3D-gedruckte Kostüme

Neue Ästhetiken für das Kostümbild

An der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität erforscht Yvonne Dicketmüller 3D-gedruckte Kostüme. Mit ihrer Arbeit verfolgt die Bochumer Theatermacherin zwei Ansätze: Einerseits möchte sie dem Bereich Kostümbild den 3D-Druck als neue, zusätzliche Fertigungstechnik erschließen. Vor allem aber interessiert sich die Künstlerin für die Erschaffung einer neuen Ästhetik. Einer Ästhetik der digitalen Kultur, mit der sich auf der Bühne neue Geschichten erzählen lassen. Für ihre Kostüme verwendet Dicketmüller flexible Filamente. Auf diese Weise sind die gedruckten Kleidungsstücke weich und beweglich. Aber auch ein Hauch von Widerständigkeit ist den 3D-gedruckten Kostümen inhärent. Dadurch entsteht ein neuer Dialog zwischen Bewegung und Kostüm.

Im Folgenden berichtet die Künstlerin, wie sie einen Workflow zur Herstellung ihrer 3D-gedruckten Kostüme entwickelt.

3d-gedruckte Kostüme der Bochumer Künstlerin Yvonne Dicketmüller

Kostüme aus dem 3D-Drucker

Recherche im Bereich Kostümbild

Während meines Fellowships an der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund habe ich zu 3D-gedruckten Kostümen geforscht. Nachdem ich den 3D-Druck bereits für den Figurenbau erfolgreich angewendet hatte, war ich von der Idee fasziniert, diese Technik auch für den Bereich Kostümbild zu nutzen. Mich hat dabei vor allem interessiert, welche neuen Ästhetiken sich mit dem 3D-Drucker erzielen lassen. Ob es gelingen könnte, eine Art Ästhetik für die digitale Kultur bzw. für das digitale Zeitalter zu entwerfen, mit der sich dann neue Geschichten auf der Theaterbühne erzählen lassen. Meine Recherche an der Akademie fokussierte auf den ersten Schritt dieses Unterfangens: das Entwerfen und Herstellen Algorithmusbasierter Kostüme.

Wie werden 3D-gedruckte Kostüme hergestellt?

Die Kostüme werden mit einer CAD-Software am Computer entworfen und dann aus flexiblem TPU-Filament Schicht für Schicht gedruckt. In einem letzten Schritt werden alle Kostümteile zusammengefügt. Die so entstandenen Kostüme haben eine ganz eigene, neue Ästhetik. Sie bestechen aber nicht nur durch ihr eigenwilliges Aussehen, sondern auch durch die ihnen eigenen Bewegungsqualitäten: Das TPU-Filament, aus dem die Kostüme hergestellt werden, ist weich und elastisch und bietet dadurch einen guten Tragekomfort. Gleichzeitig ist das Material schwerer als herkömmlicher Stoff und weist eine gewisse Widerständigkeit auf.

3D-gedruckte Stoffe

Gewebte und gestrickte Textilien aus dem 3D-Drucker

Bevor ich mich in meinem Fellowship daran gemacht habe, ganze Kostüme zu drucken, habe ich mich zunächst mit der Frage beschäftigt, wie ich mit dem 3D-Drucker überhaupt Strukturen erzeugen kann, die textilen Charakter haben. Mit der Software Rhino 3D habe ich dazu zunächst einige flache Designs erstellt. Extrudiert auf 4 mm Dicke, habe ich diese Designs dann als physische Samples ausgedruckt. Danach habe ich die ausgedruckten Samples auf ihre textilen Eigenschaften hin überprüft: Je nach Muster waren einige der Samples sehr elastisch, während andere eine festere Struktur aufwiesen. Manche ließen sich besonders gut in eine bestimmte Richtung dehnen, während andere in mehrere Richtungen hin elastisch waren. Zusätzliche Elastizität ließ sich durch das Ausdrucken in geringerer Dicke erzielen.

Die wesentliche Erkenntnis in dieser Forschungsphase war für mich, dass sich mit dem 3D-Drucker sowohl textile Strukturen erzeugen lassen, die sich wie gewebte Stoffe verhalten als wie auch solche, die durch ihre hohe Elastizität mehr an gestrickte Stoffe erinnern.

3d-gedruckte Stoffsamples

3D-gedruckte Kostüme aus Schnittmustern

Ein Ansatz, den ich bei der Recherche zu meinen 3D-gedruckten Kostümen verfolgt habe, war die Herstellung solcher Kleidungsstücke anhand regulärer Schnittmuster. Hierzu habe ich Schnittmusterbögen aus Zeitschriften genutzt. Die Schnittmuster habe ich digitalisiert, sodass ich sie in Rhino 3D nutzen konnte. Danach habe ich die einzelnen Teile der Kleidungsstücke nacheinander ausgedruckt. Da die meisten 3D-Drucker – und auch der von mir verwendete Prusa i3 MK3S – ein relativ kleines Druckbett haben, musste ich einzelne Schnittmusterteile in der Software zerlegen. So konnte ich große Teile wie z.B. einen Ärmel oder ein Rückenteil in mehreren Etappen drucken. Diese einzelnen Teile habe ich am Ende wieder zu einem vollständigen Schnittmusterteil zusammengefügt. 

Das erste Kleidungsstück, das auf diese Weise entstanden ist, war ein 3D-gedrucktes Tank Top.

Utensilien aus dem Nähkästchen

3D-gedruckte Kostüme mit Reißverschluss, Druckknopf und Co.

Nachdem ich mit dem Tank Top ein erstes 3D-gedrucktes Kostümteil hergestellt hatte, habe ich mich daran gemacht, meinen Prozess zu verfeinern und Probleme zu beheben. Denn das Tank Top lässt sich nur schwer anziehen. Während industriell gefertigte Tank Tops aus gestricktem Stoff hergestellt werden, verhält sich das Muster, das ich für mein Tank Top ausgewählt habe, eher wie ein gewebter Stoff. Es ist daher deutlich weniger elastisch als normale Tank Tops. Eine Lösung wäre, das Tank Top nochmal auszudrucken, dieses Mal aber ein anderes, elastischeres Muster auszuwählen. Der Ansatz, der mich aber an dieser Stelle mehr interessiert hat, war der, nach Möglichkeiten zu suchen, Reißverschlüsse, Knöpfe, Druckknöpfe oder Ösen in meine 3D-gedruckten Kostüme einzuarbeiten.

Schließlich habe ich einen Rock gedruckt, der auf der Rückseite sowohl mit einem eingestanzten Druckknopf wie auch mit einem eingenähten Reißverschluss ausgestattet ist. Außerdem ist ein weiteres Tank Top entstanden. Auf der Rückseite dieses Tank Tops erweitert ein Reißverschluss in Kombination mit einem Knopf den Halsausschnitt, sodass ein bequemes An- und Ausziehen möglich ist.

Detailansicht eines 3d-gedruckten Kostüms mit eingenähtem Reißverschluss und Knopf

3D-gedruckte Kostüme nach konventionellem Vorbild

3D-gedruckte Jacke

Eine weitere Technik neue Kleidungsstücke herzustellen, ist die Arbeit mit bereits vorhandenen Kleidungsstücken. Von letzteren nimmt man dazu ein Schnittmuster ab, um dann eben dieses Kleidungsstück nachzunähen.

Diese Technik habe ich mit einer Jacke angewandt. Von ihr habe ich ein Papierschnittmuster abgenommen, es dann digitalisiert und in Rhino 3D weiterbearbeitet. In der Software habe ich unterschiedlichen Teilen der Jacke, wie etwa den Hals- und Ärmelbündchen, verschiedene Muster zugewiesen. Dann habe ich die Jacke in mehrere Drucke aufgeteilt und Stück für Stück gedruckt.

Drapieren an der Schneiderpuppe

Eine weitere Möglichkeit 3D-gedruckte Kostüme herzustellen, bietet die Arbeit mit der Schneiderpuppe. Wenn man mit regulären Stoffen arbeitet, würde man hierzu ein Stück Stoff zur Hand nehmen und dieses auf die Schneiderpuppe legen. Anschließend würde man es mit einer Schere zurechtzuschneiden und mit einigen Stecknadeln in die gewünschte Form stecken.

Für meine 3D-gedruckten Kostüme bin ich ganz ähnlich vorgegangen: Ich habe zunächst ein großes Stück 3D-gedruckten „Stoffs“ hergestellt und dieses dann an der Schneiderpuppe entsprechend festgesteckt. Dabei habe ich allerdings keine Schere genutzt, sondern den 3D-gedruckten „Stoff“ dort gedehnt, wo mehr Weite benötigt wurde. Schließlich habe ich fehlende Stücke nachgedruckt und Details eingefügt. Auf diese Weise ist ein zweites Tank Top entstanden.

Dialog zwischen Bewegung und Kostüm

Die 3D-gedruckten Kostüme, die ich während meines Stipendiums an der Akademie für Theater und Digitalität hergestellt habe, haben ihren ganz eigenen ästhetischen Appeal. Die meisten von ihnen wirken, als wären sie aus Spitze gefertigt. Sie fühlen sich weich an und sind auch direkt auf der Haut angenehm zu tragen. Durch das Gummiartige TPU-Material, aus dem die Kostüme hergestellt wurden, verfügen die 3D-gedruckten Kostüme über eine gewisse Sprungkraft. Diese führt zu Bewegungen, die den Kostümen Lebendigkeit verleiht. Gleichzeitig besitzen die 3D-gedruckten Kostüme eine Steifigkeit, die es ihnen gestattet, sich bestimmten Bewegungen zumindest ein Stück weit zu widersetzen.

Die Art und Weise wie 3D-gedruckte Kostüme sich manchen Bewegungen widersetzen und andere unterstützen, ist eine interessante Charakteristik. Aus ihr ergibt sich ein neuer Dialog zwischen Bewegung und Kostüm. In weiteren Projekten würde ich gerne zusammen mit Tänzer*Innen und Schauspieler*Innen dieses Zusammenwirken von Material bzw. 3D-gedrucktem Kostüm und Bewegung erforschen.

Wenn Sie Lust haben, mehr über 3d-gedruckte Kostüme zu erfahren, nehmen Sie gerne Kontakt zu mir auf. Ich würde mich sehr freuen, eine Tanzproduktion oder ein Theaterstück mit 3d-gedruckten Kostümen auszustatten.